„Essstörungen – Heilung ist möglich“ von Renate Feistner

„Essstörungen – Heilung ist möglich“ von Renate Feistner

17. Januar 2019 0 Von Silke Albrecht

Inhalt:

Was fördert Heilung, was verhindert Heilung?

Einmal essgestört – immer essgestört: Diesem gängingen Vorurteil setzt die erfahrene Essstörungsexpertin ihre Erfahrungen und die anderer Experten entgegen. Im Zentrum des Praxisbuches für die ambulante Psychotherapie steht ihr erprobter ressourcenorientierter Ansatz, der verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische und systemische Aspekte vereint. Die Rahmenbedingungen eines guten Heilungsprozesses werden ebenso erläutert wie Faktoren und Phasen der Heilung selbst. Fragebögen und Berichte von geheilten Patientinnen ergänzen die therapeutischen Ausführungen.

 

Rezension:

Renate Feistners Buch: “Essstörungen – Heilung ist möglich” ist ein Buch, dass ich deshalb gelesen habe, weil ich darüber nachgedacht habe, welche Zusatzqualifikationen im Bereich Psychologie ich als Ökotrophologin bräuchte, um Essstörungspatienten zu behandeln. Es ist eine Schande, dass es in einem so reichen Land wie Deuschland nicht möglich ist, Essstörungspatienten eine ausreichende Anzahl an Therapieplätzen bereitzustellen. Doch schon nach wenigen Kapiteln war klar, dass hierfür eigentlich ein Studium der Psychologie nötig ist. Die Ernährungstherapie hält Feistner zwar für eine sinnvolle Ergänzung zum eigenen Konzept, allerdings stoße diese schnell an ihre Grenzen bei der Behandlung von Essstörungen. Schade, dass eine mit Essstörungen so erfahrene Frau, die an mehreren Stellen ihres Buches für mehr Vernetzung im Gesundheitsbereich wirbt, nicht auch mit Ernährungsexperten Austausch sucht. Es würde mich wundern, wenn sie danach immer noch bei starkem Übergewicht pauschal eine bariatrische Operation (Schlauchmagen, Magenbypass) empfehlen würde. Ich halte eine Zusammenarbeit von Psychologen und Ökotrophologen zum Wohle der Patienten für unbedingt notwendig.

Erwähnenswert ist, dass aus der Sicht Renate Feistners Diäten nach dem Prinzip der Energiebilanz (wer weniger Kaloien zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt an Gewicht ab) nicht funktionieren und Essstörungen auslösen können (Antidiät-Konzept). Nach einer Diät könne man nicht mehr normal essen, da Körpersignale abtrainiert würden. Ohne Hungergefühl wisse man nicht, wann, ohne Geschmack nicht, was und ohne Sättigungsgefühl nicht, wieviel man essen müsse. Die erste Hungerphase sei der ideale Zeitpunkt zum Essen, da man dann nur wenig zum Sattwerden brauche. Die erste Sattphase sei der richtige Zeitpunkt, um die Mahlzeit zu beenden. Sinnvoll sei es, alle 3 bis 3 ½ Stunden zu essen. Wichtig sei außerdem, den Unterschied zwischen psychischem und körperlichem Hunger zu erlernen. Patienten fänden selbst Lösungen im Umgang mit psychischem Hunger sowie einen tieferen Kontakt zu sich selbst, mehr Selbstwert und Selbstliebe (Intervention innerer Dialog). Diese Therorie hat Renate Feistner weiterentwickelt. Außerdem entwickelte sie ein zeitlich-räumliches Identitätsmodell. Demnach hängt die Ich-Entwicklung bei Mädchen sehr stark von der Aneignung des eigenen Körpers ab. Sie fühlten sich abhängig von der Anerkennung anderer.

Vom 10-Stufen-Modell für die Heilungsphasen bei Essstörungen über Patienten- und Therapeutenberichte bis hin zur Beschwerde über zuviel Bürokratie wird so ziemlich alles angesprochen, was zum Thema gehört. Man findet auch viele allgemeine Ratschläge, wie den, dass man sich große Ziele in realistische Teilziele zerlegen solle oder den, sich von Mißerfolgen nicht entmutigen zu lassen.

Mit dem Buch “Essstörungen – Heilung ist möglich” will Renate Feistner erreichen, dass essgestörte Patienten ein realistisches und differenziertes Bild der Behandlung bekommen und erfahren, dass sie Chancen auf Besserung und Gesundung haben. Dadurch sollen sie Zuversicht und Kraft schöpfen. Dies gelingt ihr gut. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass sie aus dem Stoff zwei Bücher gemacht hätte, also eines für Patienten und eines für Therapeuten. Für Therapeuten ist das vorliegende Buch aus meiner Sicht gut geeignet, um von Feistners Erfahrungen zu profitieren. Daher halte ich das Buch für eine Pflichtlektüre für alle, die sich beruflich mit Essstörungen befassen. Patienten können meiner Meinung nach die wichtigsten Botschaften des Buches “Heilung ist möglich” (obwohl es natürlich keine Garantie für Heilung gibt) und “Ein Rückfall stellt kein grundsätzliches Scheitern dar. Man darf sich Hilfe holen.” auch auf weniger als 300 Seiten verstehen. Für sie wünsche ich mir eine deutlich gekürzte Version. Mir ging es jedenfalls beim Lesen so, dass ich viele längere Pausen machen musste, obwohl das Buch nicht langweilig ist.

Abschließend noch ein Zitat von Wilson Schaef, das Renate Feistner in ihrem Buch erwähnt: “Wenn wir um Hilfe bitten, heißt das nicht, dass wir schwach oder unfähig sind. Gewöhnlich deutet das nur auf ein höheres Maß an Ehrlichkeit und Intelligenz hin…”

Verlag: klett-cotta

ISBN: 978-3-608-89205-5