Interview mit Wolfgang Kessler

Interview mit Wolfgang Kessler

16. November 2025 0 Von Silke Albrecht

Am 14.11.2025 habe ich mit dem Wirtschaftsjournalisten Wolfgang Kessler ein schriftliches Interview zu Wirtschaftsethik und Zukunft geführt. Hier sind meine Fragen (fett) und seine Antworten (blau).

  1. Wollen Sie sich persönlich und Ihren beruflichen Werdegang kurz vorstellen?

WK: Ich bin im oberschwäbischen Ravensburg geboren und in der katholischen Jugend groß geworden. Das hat mich so geprägt, dass ich versuche, mir auch die Folgen von bestimmten Handlungen vorzustellen. Das kam mir im Studium der Ökonomie zu kurz – und auch beim Internationalen Währungsfonds, bei dem kurz wissenschaftlich gearbeitet habe-Immer ging und geht es vor allem um Gewinne für wenige Eigentümer, selten um das Los der vielen, die nichts besitzen. Deshalb suche ich seit 35 Jahren als Wirtschaftsjournalist nach Modellen, die versuchen, Wirtschaft gerecht und umweltverträglich zu gestalten.

  1. Was ist aus Ihrer Sicht ethisches wirtschaftliches Handeln?

WK: Ethik bedeutet in der Wirtschaft, den Blick über den Ladentisch zu wagen. Also Informationen darüber zu suchen, unter welchen Bedingungen Waren im Supermarkt hergestellt oder angebaut wurden. Informationen darüber, wo mein Geld investiert wird, wenn ich es hier oder da anlege.

  1. Wie kommt es, dass so oft Geld die Welt regiert und alle anderen Werte dahinter in den Hintergrund rücken?

WK: Man muss zugeben, dass Geld zu haben ein Stück Sicherheit im Leben bedeutet. Das ist besonders in Zeiten großer Unsicherheit wichtig. Ersparnisse sind auch wichtig, wenn man sich selbst gegen Risiken im Alter oder bei Krankheit oder aber die Kinder für ihr zukünftiges Leben absichern will. Gefährlich wird es, wenn alle Lebensbereiche dem Geldverdienen untergeordnet werden. Das gilt für die persönliche Karriere ebenso wie für die Gesellschaft. Deshalb hat das Profitdenken in Krankenhäusern, Pflegeheimen, in der Deutschen Bahn oder im Wohnbereich nichts zu suchen.

  1. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Veränderungen, die in Deutschland politisch umgesetzt werden sollten, um mit begrenzten Ressourcen zurecht zu kommen und gleichzeitig die Rechte aller Menschen zu wahren?

WK: Zwei sind besonders wichtig. Es braucht einen Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, um Ressourcen zu sparen. Dadurch beuten wir die Welt weniger aus und werden unabhängiger von den USA und China. Die zweite wichtige Veränderung sollte ein wirklich wirksames Lieferkettengesetz sein, das die Unternehmen zu fairen Arbeitsbedingungen und zu einer nachhaltigen Produktionsweise zwingt. Das Gesetz sollte Klagemöglichkeiten gegen Unternehmen enthalten, falls diese Menschenrechte verletzen oder die Umwelt zerstören.

  1. Was raten Sie mir, wenn ich als Privatperson die Welt ein kleines Stückchen verbessern möchte?

WK: Achten Sie darauf, wohin Ihr Geld fließt. In den Supermärkten gibt es jede Menge Produkte aus lokaler Produktion, mit Biosiegel oder Fairtrade-Zeichen. Auf der Website der Organisation Urgewald erfahren sie über eine Liste für Fair Fonds, welche Geldanlagen wirklich grün sind oder welche nur grün gewaschen werden.

  1. Haben Sie ein „Lieblingsmodell“, nach dem unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach in Zukunft funktionieren sollte und könnte?

WK: Am liebsten wäre mir, wenn möglichst viele Unternehmen genossenschaftlich organisiert wären oder /und in der Hand der Beschäftigten. Und wenn alle Unternehmen zu einer Gemeinwohlbilanz verpflichtet würden, die ihren Beitrag der Unternehmen zu Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit dokumentiert.

  1. Was ist Ihr Wunsch für die Menschheit? Wo sollten wir in 20 und in 50 Jahren stehen?

WK: Ich respektiere durchaus die Eigeninteressen von Menschen. Allerdings sollten wir uns zu einer Menschheit entwickeln, in der langfristige Interessen künftiger Generationen an würdevollen Lebensbedingungen nicht ständig durch kurzfristige Gewinninteressen überlagert werden.

 

Herzlichen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, meine Fragen zu beantworten…