Barrierefreiheit: Interview mit einer Förderschullehrerin
Zum Thema Barrierefreiheit hatte ich außerdem die Möglichkeit, einer Förderschullehrkraft einige Fragen zu stellen, worüber ich mich sehr freue. Auch sie möchte gerne anonym bleiben. Hier sind meine Fragen und ihre Antworten:
1.) Wollen Sie sich und Ihre Arbeit zunächst kurz vorstellen? Mit welchen Gruppen behinderter Menschen kommen Sie beruflich in Kontakt?
„Ich bin Förderschullehrkraft an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen und komme dort mit Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten, sozial-emotionalen Störungen in der Spannbreite von geistiger Entwicklung über Lernbehinderung bis hin zu Regelschülern in Kontakt. Die wenigsten Schülerinnen und Schüler haben einen festgestellten Grad der Behinderung.“
2.) Auf welche Hindernisse stößt man dabei?
„Meine Schule ist unter dem Dach einer Gesamtschule angesiedelt. Hier zeigt sich im Alltag, dass es häufig unberechtigte Vorurteile gegenüber dem Klientel gibt. Durch kooperative Projekte und Aktionen versuchen beide Schulen diese zu entkräften und abzubauen, so dass sich der Kontakt zwischen den Schülern intensiviert und normalisiert. Es zeigt sich, dass dies viel Zeit und Geduld erfordert.
Eine weitere Barriere für unsere Schülerinnen und Schüler ist, dass sie nicht über ein Schülerticket für den ÖPNV verfügen, sondern mit Kleinbussen zur Schule gefahren werden. Dies schränkt die Mobilität unserer Schülerinnen und Schüler erheblich ein. Jede Fahrt im ÖPNV muss separat bezahlt werden.
Es gibt noch viele weitere Beispiele und Projekte in denen Schülerinnen und Schüler von Förderschulen ausgegrenzt oder häufig schlicht vergessen werden.“
3.) Wie sind die Chancen behinderter Menschen auf dem Ersten Arbeitsmarkt in Deutschland?
„Die Chancen im Übergang Schule-Beruf variieren für unser Klientel erheblich.
Hierzu muss ich etwas weiter ausholen.
An der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen gibt es in Hessen ab der 7. Klasse das Fach Berufsorientierung, da der Schulabschluss der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen der Berufsorientierte Abschluss ist. Im Bereich Berufsorientierung gibt es für die Schülerinnen und Schüler vielfältige schulische Angebote wie z.B. Betriebsbesichtigungen, Praktika, Girls- und Boysday, usw.., die die Berufswahlentscheidung erleichtern und die Ausbildungsreife fördern sollen.
Eine nicht zu vernachlässigende Rolle im Übergang spielt das Interesse und Engagement der Schülerinnen und Schüler sowie die Unterstützung durch die Erziehungsberechtigten und die Schule.
Die Spannbreite bei den Schülerinnen und Schülern reicht von keinem/wenig Interesse bis hin zu großer Begeisterung, um Einblicke in die Berufs- und Arbeitswelt zu erhalten. Einige Schülerinnen und Schüler nutzen die Praktika als „Türöffner“ und finden darüber einen Ausbildungsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Andere nehmen geförderte Angebote/Übergangsangebote der Agentur für Arbeit wahr. Auch einigen dieser Schülerinnen und Schüler gelingt es im Anschluss, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Ein Teil der Schülerinnen und Schüler findet in Werkstätten für behinderte Menschen seinen Platz.“
4.) Welche Wünsche haben Sie an unsere Politiker zum Thema Gleichstellung? Was sind Ihre Erwartungen an Unternehmen, um behinderte Menschen besser in den Ersten Arbeitsmarkt zu integrieren oder halten Sie diese Integration vielleicht gar nicht in allen Fällen für sinnvoll?
„Mein Wunsch ist, dass die im Bereich Eingliederungshilfe diskutierten Kürzungen verhindert werden. Hier soll an wichtigen Maßnahmen (z.B. Teilhabeassistenzen, u.ä.), die die Inklusion behinderter Menschen in erheblichem Maße unterstützen, gespart werden, obwohl Inklusion seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) 2009 ein Menschenrecht ist.“
5) Was könnten Familien und andere Menschen im engeren Umfeld behinderter Menschen tun, um Barrieren abzubauen?
„Mir erscheint es wichtig, dass die Familien behinderter Menschen sowie deren Umfeld, auch wir als Schule, sich für diese und ihre Belange einsetzen, d.h. Bedarfe verdeutlichen und notwendige Fördermaßnahmen und damit verbundene finanzielle Unterstützung einfordern. Wir sollten alle als Fürsprecher und Experten für die Belange der behinderten Menschen auftreten.
Betroffene Familien kennen die Potentiale der behinderten Menschen am besten, sie sollten sie hervorheben und unterstreichen. Wir müssen wegkommen von einer häufig noch defizitären Sichtweise und die vorhandenen Potentiale nutzen und fördern, vor allem auch im Sinne der Nachwuchs- und Fachkräftesicherung. Wünschenswert wäre es, dass auch Betriebe und Institutionen den behinderten Menschen vorurteilsfrei begegnen und ihnen Chancen geben sich zu beweisen.“
6) Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft auf diesem Gebiet? Was sollte sich in den nächsten 10 Jahren in Deutschland am dringendsten ändern?
„Kürzungen in den Bereichen Eingliederungshilfe und Inklusion sollten in jedem Fall verhindert werden.
Es sollte nicht bei/an denjenigen gespart werden, die kaum Fürsprecher haben bzw. nicht selbst für Ihre Bedürfnisse und Anliegen eintreten können.“
Vielen Dank für diese informative Einschätzung und für die Zeit, die Sie sich hierfür genommen haben!